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Stimmbildung im Spiegel menschlicher Seinserfahrung
© Hartmut Rademacher · Heilpraktiker · Ludwig-Jahn-Str. 80 · 73732 Esslingen  Bisheriger Einzugsbereich: Baden-Württemberg: Esslingen, Stuttgart, Fellbach, Remshalden, Waiblingen, Weinstadt, Winnenden, Korb, Ostfildern, Neuhausen, Köngen, Filderstadt, Kirchheim, Nürtingen, Aichtal, Altbach, Plochingen, Baltmannsweiler, Rudersberg, Wernau, Ludwigsburg, Korntal, Remseck, Benningen, Neidlingen, Grötzingen, Heidelberg, Göppingen, Eislingen, Schorndorf, Böblingen, Herrenberg, Reutlingen, Pforzheim, Ulm, Neuffen, Geislingen an der Steige. Schwäbisch Gmünd Bayern: München, Polling, Garmisch, Nürnberg, Oettingen, Nordrhein-Westfalen: Halver (bei Lüdenscheid) Niedersachsen: Wolfenbüttel, Hamburg, Hessen: Nidderau Österreich: Graz, Kroatien: Zagreb, Frankreich: Perpignan
Praxis für Wegbegleitung, Psychologie und Psychosomatik Hartmut Rademacher, Heilpraktiker
Die Spannkraft des Körpers Am unmittelbarsten sind am Sprechen und Singen Ohr, Kehlkopf und Respirationsorgane sowie für das Textliche unsere Artikulationsorgane (Zunge, Lippen, Kiefer, Gaumen etc.) beteiligt. In Wahrheit aber klingt unser ganzer Organismus. Wir kennen als Resonanzräume die Lungen und den Pharynx mit seinen verschiedenen Räumen. Diese sind - wie bereits ausgeführt - jedoch nicht allein verantwortlich für die physischen Bedingungen unseres Stimmklangs. Resonanzleitung erfolgt durch das gesamte Knochengerüst. Nicht nur die Knochen werden jedoch zu einer Vibration gebracht, sondern die gesamte Mukulatur kann in Schwingung versetzt werden. Eine kleine Lösung in der Bauch-, Rücken-, Halsmukulatur etc. kann den gesamten Stimmklang befreiend verändern. Ebenso bringt die bewusste Erzeugung von mehr Spannkraft in einer zu gelösten bzw. schlaffen Körperregion mehr Strahlkraft in die Stimme. Jede körperliche Verspannung hingegen bewirkt einerseits eine Hemmung der Resonanz und schränkt die Klangfülle ein, andrerseits wirkt sie sich auf die gesamte Atmung aus. Schlimmstenfalls entsteht dadurch eine gepresste, "tonlose" Stimme. Da sich in unserem Körper Materie, Gefühle und Gedanken zum leibhaften Ausdruck durchdringen, ist jede Verspannung mehr als bloss eine körperliche Verkrampfung. Dies weiß jeder, der nach einem Tag voller Stress einmal Schulterschmerzen oder Rückenbeschwerden verspürt hat. Werden solche Verspannungen nicht gelöst, graben sie sich in die Persönlichkeit ein und hinterlassen ihre Spuren im Stimmklang. Ebenso darf die Entspannung oder Herstellung von mehr Spannkraft in Muskelbereichen nicht nur physiologisch gesehen werden. Wenn sie auf die rechte Weise geschieht, wirkt sie gleichzeitig im Geistig-Seelischen entsprechend. Bei Menschen, die ihre Stimme nicht mögen oder die Stimmprobleme haben, "sitzt" die Stimme körperlich meist zu weit oben. Mit "Stimmsitz" ist in diesem Fall nicht der Ort im Kopf gemeint, um den Sänger stets bemüht sind, sondern das "Hinunterreichen" der Stimme in Bezug auf die Vibration im Körper, das den Eindruck von Fülle und Präsenz selbst dann verleiht, wenn der Stimmklang leise und sanft oder von hoher Tonlage ist. Selbst die Falsettstimme des Mannes oder die Pfeifstimme der Frau kann bei jedem Ton den ganzen Körper als Instrument nutzen. Stimmprobleme oder ein Nicht mögen der eigenen Stimme bedeutet über die physiologische Einschränkung hinaus immer auch eine Einschränkung der ganz persönlichen Ausdrucksfähigkeit. Ein sensibler Stimmbildner wird den Erfolg seiner.Arbeit deshalb auch in einer größeren Freude im stimmlichen Ausdruck des Schülers erkennen, ohne dass er unmittelbar psychotherapeutisch gearbeitet hat. Bei guter Stimmbildung, die den ganzen Körper als Instrument einbezieht, kann ein psychologisch befreiender Effekt sozusagen reflektorisch als Nebenwirkung eintreten. In dem Maße, wie es gelingt, den eigenen Körper vom Klang ganz durchdringen zu lassen, in demselben Maße erscheint der Ton schön. Dies ist dann der Fall, wenn der Körper den Ton einerseits nicht durch einen Zustand der Überspannung am Hinausströmen, Hindurchtönen (personare) hindert, andrerseits aber den rechten Tonus, die rechte Spannkraft zeigt und so dem Klangstrom zu Form und Gefäss wird. Die rechte Spannkraft zu haben bedeutet, von Erschlaffung und Überspannung etwa gleich weit entfernt zu sein. Dies wird zu Beginn des Stimmbildungsunterrichts eine stets zu erneuernde und zu verfeinernde Übung sein. Betrachten wir den Ablauf des Singens einmal genau, so können wir fest stellen, dass es nicht unsere physiologische Stimme ist, die einen Ton erzeugt. Vielmehr ist es eine geistig-seelische Vorstellung, die den Ton auf der Grundlage unserer körperlichen Gegebenheiten erzeugt. Würde allein unser Körper den Ton erzeugen, wäre auch der Ton nur physischer Natur und würde kaum eine Wirkung auf die Seele und den menschlichen Geist entfalten können. Komponisten fielen ihre Kompositionen meist ein, bevor sie sie notierten. D. h., sie hörten innerlich die Musik und notierten sie anschließend. Hinzu kam u. U. dann noch eine genauere Ausarbeitung des zuvor innerlich Gehörten. Ähnlich ist der Vorgang beim Singen. Wir haben zunächst eine Idee vom Ton, den wir singen werden. Wir hören innerlich die Tonhöhe, um sie dann zum Ausdruck zu bringen. Geschulte Sänger haben zusätzlich eine genaue Vorstellung vom Klang, von der Lautstärke, Dynamik und der Beseeltheit des Tons, bevor er hörbar wird. Für diejenigen, die vom Blatt singen können, gilt dasselbe für das Singen von Intervallen und schließlich von Melodiebögen. Zuerst haben wir die Idee, die Vorstellung, das innere Hören davon, wie wir etwas zum Ausdruck bringen wollen oder sollen. Dies alles passiert in unserer geistig-seelischen Vorstellungskraft, bevor wir uns hörbar ausdrücken. Das heißt, wir drücken unsere geistig- seelische Vorstellung nun körperlich-sinnlich aus. Wir materialisieren hörbar und spürbar eine Idee. Diese Idee mag vom Komponisten auf gewisse Weise vorgegeben sein. Doch die differenzierte Ausbildung dieser Idee geschieht mehr oder weniger bewusst wie durch einen weiteren Filter, nämlich den unseres Wesens, unserer Persönlichkeit und des Facetten- reichtums unserer Vorstellungskraft. Wäre unsere Stimme nur ein körperlicher Gegenstand, dann wäre es logisch, sie auch nur von außen her zu bilden und zu formen. Ist sie aber auch ein Produkt unseres Geistes und unserer Seele, so muss man die Bedingungen herstellen, unter denen der immaterielle Vorgang des Sprechens oder Singens sich sinnlich offenbaren kann. Dann wird man danach trachten, das in sich tönende Instrument bereits als etwas noch Unkörperliches zu erfühlen und so auf mehreren Seinsebenen wahrzunehmen. Andrerseits muss der seinem Wesen nach immaterielle Ton sozusagen zwischen Himmel und Erde eingespannt sein, wenn  er hinter dem Vorhang seiner immateriellen Ursprungsqualität auf der Bühne des Lebens hervortreten soll. Das heißt, er braucht eine ausreichende Verwurzelung und Erdgebundenheit, um Substanz und Kraft zu bekommen. Der Ton muss sozusagen wie ein Luftballon befestigt werden, damit er sich nicht vorzeitig verflüchtigt. Körperlich finden wir die Stelle der Verwurzelung im Becken, genauer gesagt, in der Mitte des Menschen, die der Japaner Hara nennt. Das Hara finden wir etwa 2 cm unterhalb des Bauchnabels, und zwar an der Stelle, die reflexartig nach außen springt, wenn wir husten. Beim Husten wird ein Atemstrom von ca. 120 km/h erzeugt, der zunächst als Druck auf unseren Kehlkopf wirkt, bevor wir ihn freigeben. Dies mag ein Hinweis auf die Kraft sein, zu der dieser Körperbereich fähig ist. Geben wir hier während des Singens Kraft in das Hara, so verhindern wir, dass wir in anderen Bereichen in eine Überspannung kommen und so unserer Stimme auf Dauer schaden. Der Sitz der Kopfstimme einerseits und die Spannkraft im Hara andrerseits kommen dann zu einem Zusammenspiel, das nicht nur geeignet ist, den Stimmumfang zu erweitern, sondern auch den ganzen Menschen natürlich aufrichtet und in die ihm gemäße Kraft kommen lässt. Da die stärkste Spannkraft beim westlichen Menschen meist in oberen Körperregionen - vor allem der Schulterpartie - angesiedelt ist, mag es zunächst ungewohnt erscheinen, diese Spannkraft mehr zum Mittelpunkt hin zu verlagern. Denn sie bedeutet zugleich ein Loslassen im oberen Bereich. Andrerseits ist es weit verbreitet, hinten anzuspannen. Zum Zwecke des statischen Ausgleichs werden dann Ausgleichsspannungen erzeugt, die sich vor allem im Lendenwirbel- und Nackenbereich befinden und dem Singen und Sprechen wenig dienlich sind. Soll der ganze Körper für den Ton durchdringlich gestaltet werden, ist auf ein Stehen mit gelockerten Knien zu achten. Nur ein Körper, der eine Statik einnimmt, die aus der Mitte heraus frei schwingen kann, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, kann auch mit dem Ton frei schwingen.
Die Atemstütze Über die Atemstütze gibt es zahlreiche Definitionen. Wir wollen sie hier verstehen als eine bewusste Verlang- samung der Ausatmung, die durch Muskelkontrolle erreicht wird, indem ein Spannungsverhältnis zwischen den an der Einatmung bzw. Ausatmung beteiligten Muskeln hergestellt wird. Zudem entsteht eine reflektorische Ver- bindung zum Kehlkopf. Während beim ungeschulten Sänger der Kehlkopf bei hohen Tönen nach oben steigt, lernt der Schüler der Stimmbildung, diese Bewegung vor allem durch die Art seiner Atmung zu verringern oder sogar umzukehren. Überhaupt wird es oberstes Ziel sein, jede Regung im Hals einschließlich des Kehlkopfs ausschließlich reflektorisch entstehen zu lassen, aber niemals dort zu initiieren nach dem Motto: “Der Sänger hat keinen Hals.” Je nach Gesanglehrer lernt man eine von zwei bekannten Atmestützen: Man unterscheidet die Thoraxstütze, bei der der Brustkorb während des Ausatmens und Singens in einer inspiratorischen Stellung gehalten wird und die Zwerchfellstütze (Zwerchfell = Diaphragma), bei der das Spannungsverhältnis zwischen Ein- und Ausatemmusku- latur durch eine Spannung der Bauchwandmuskulatur hergestellt wird. Durch die Beteiligung der hinteren Bauch- wandmuskulatur besteht die Gefahr einer mit der Zeit dauerhaft werdenden Verspannung der Rückenmuskulatur im Lendenwirbelbereich, die der Resonanzfähigkeit des Körpers in seiner Gesamtheit abträglich ist. Durch die Thoraxstütze hingegen wird der Schwerpunkt des Menschen nach oben verlagert. Besonders dem Anfänger wird es schwer fallen, gleichzeitig im Becken noch eine Spannkraft zu haben. Die Klangfülle, die aus dem Mitschwingen des gesamten Körpers entsteht, ist - anfangs - auf diese Weise jedenfalls nicht zu erreichen. Beide Arten der Atemstütze führen deshalb dazu, sich zur Verbesserung der Tragfähigkeit der Stimme vor allem auf eine gute Entwicklung der Kopfresonanz zu verlassen. Beide Arten verführen aber auch dazu, Stimmproblemen mit einer verstärkten Stauung durch eine Vielzahl von Zusammenschlüssen muskulärer Kraft zu begegnen. Wie bei einer Autobremse, deren langsames Nachlassen man beim täglichen Fahren durch Gewöhnung und Langsamkeit der Veränderung nicht bemerkt, so wird auf diese Weise eine Dysfunktion häufig erst zu spät bemerkt. Vernachlässigt man hingegen jede dieser bekannten Atemstützen, so gibt es noch eine dritte Möglichkeit: Das in Japan bekannte Hara, das nicht nur in asiatischen Kampfkünsten, sondern auch im Alltag seit Jahrhunderten bis heute eine bewusste oder - aufgrund von Tradition - eingefleischte Rolle spielt. Der Einsatz des Hara, der im nächsten Kapitel kurz erläutert wird, bewirkt eine Spannkraft in der Beckenbodenmuskulatur, von der der in diesem Zusammenhang wichtigste Teil als Diaphragma pelvis bezeichnet wird. Die Bezeichnung sowohl dieses Bereichs als auch des Zwerchfells mit dem Begriff "Diaphragma" (= gr. Scheidewand) ist nicht zufällig. Denn zwischen beiden besteht eine reflektorische Verbindung ebenso wie zwischen Zwerchfell und Kehlkopf und dem Kehlkopf und der Mundbodenmuskulatur. Allgemein kann man sagen: Je tiefer die zum Singen erforderliche Spannkraft und Stütze im Körper erzeugt wird, desto mehr werden diejenigen Bedingungen erzeugt, die den ganzen Körper als "Gesangsinstrument" zur Geltung kommen lassen und das Ertönen von Klang mit gleicher oder besserer Wirkung der Weisheit des Körpers überlassen, indem man das, was man zuvor zu erzeugen sucht, nun den reflektorischen Wirkungen überlässt, die dann ent- stehen, wenn man sie lässt und nicht unmittelbar an ihnen arbeitet.
Die Kunst des Hörens In der Physik ist ein Ton nichts anderes als ein in Hertz ausgedrückter messbarer Schwingungszustand physischer Elemente. Physikalisch wird aus diesem Schwingungszustand erst dann ein Ton, wenn er auf jemanden trifft, ihn hört. Der Ton a 1 besteht jedoch aus mehr als 440 hz. Es handelt sich ebenso wie bei den verschiedenen Tonarten um eine Qualität. Jeder Ton in der Skala ist eine eigene Individualität. Die Klangfarbe hingegen ist der Träger des Seelischen. Das wirkliche Hören von Musik geht deshalb über ästhetisches Wohlgefallen und über den bloßen Genuss sinnlicher Klangempfindung hinaus. Für die Stimme gilt noch mehr: Was man nicht hört, kann man auch nicht singen. Es ist somit zuerst unser Gehörorganismus, der Klang und Töne formt, die dann in der Stimme Ausdruck finden. "Man singt mit dem Ohr." Eine wirkliche Verdichtung des Klangerlebens im Sinne einer musikalischen Bezogenheit muss vom inneren Hören ausgehen. Die Entwicklung des inneren Hörens setzt deshalb eine Intensivierung der Achtsamkeit voraus, die das Hören zu einem Lauschen macht und auf diese Weise das "innere Ohr" ausbildet.
Stimmbildung und Persönlichkeit Stimmbildung ist damit weit mehr, als heute in der Mehrzahl der Schulen unterrichtet wird. Soll es sich um mehr als Technik handeln, muss nicht nur der ganze Leib als Instrument einbezogen, sondern die Stimme auch in ihrer selbst-therapeutischen und geistigen Wirkung berücksichtigt werden. In Klöstern, in denen man dem Schweigen verpflichtet war, wurde gesungen! Man wusste, dass ein mangelnder Gebrauch der Stimme sich schwächend auf die menschliche Vitalkraft auswirkt. Auch wer sonst keineswegs daran denken würde, Organfunktionen und Krankheitssymptome mit Ursachen in der Seele in Verbindung zu bringen, macht bei der Stimme eine Ausnahme. Für den, der hinhört, zeigt sie sofort, wenn etwas nicht stimmt. Die Stimme drückt unsere jeweilige Stimmung aus und lässt darunter sogar den Pegel der Grundstimmung erkennen. Der Tonus der Stimme zeigt, über welche persönliche Spannkraft ein Mensch verfügt. Niemand wird z. B. eine Stimme mit geringer Indifferenz einer emotionalen Persönlichkeit zuordnen. Leib und Stimme sind mehr als nur physischer Natur. Sind sie aber auch Ausdruck unserer geistig-seelischen Existenz, so muss Stimmbildung immer auch eine entsprechende Schulung des ganzen Menschen sein. Die Stimme ist ein Tor für das Hindurchtönen von Seinserfahrung aus einer Tiefendimension, für die viele Menschen heute wieder heranreifen. Neben der Vielfalt heutiger esoterischer Angebote kann Stimmbildung als eine seriös erfahrbare Methode verstanden werden, die wieder Zugang zu dem findet, was der Musik seit altersher innewohnt.
Singen als Stärkung der Individualkraft? In diesem und den folgenden Kapiteln soll ein Überblick gegeben werden, in welcher Weise die Bildung der Stimme - sei es nun im Sprechen oder im Gesang - nicht nur zu einer Stärkung der Persönlichkeitskräfte, sondern auch zu einer intensiveren Seinsbezogenheit beitragen kann. Das Streben nach Individualität und die immer größere Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten geht zunehmend mit einem Verfall der Individualkräfte einher. Was wir erreicht haben, ist eine Grenzerweiterung auf fast allen Gebieten des Lebens, so dass die Vorgaben, was wir zu tun und wie wir zu leben haben, minimal geworden sind. Gleichzeitig gestaltet die Mehrzahl der Menschen unseres Kulturkreises die Intimsphäre ihres Lebens immer weniger selbst, sondern lässt sie sich gestalten. Dies führt zu einem Verfall der Kreativität, wodurch wiederum die günstigsten Voraussetzungen für eine größere Manipulierbarkeit des Individuums gegeben sind. Eine in unserer Möglichkeitsgesellschaft so dringend notwendige Stärkung der Individualkraft, die nicht nur das zweckgerichtete Funktionieren, sondern auch - und vor allem - das menschliche Sein ins Auge fasst, kann vor allem durch eine kreative Betätigung gefördert werden. Voraussetzung ist aber, dass hierbei nicht wiederum die Technik in den Vordergrund gerückt, sondern eine Bezogenheit zum Musischen gefördert wird, die die seelischen Kräfte stärkend anspricht. Auf diese Weise wird der Mensch angeregt, mit den schöpferischen Kräften, die wartend in ihm verborgen liegen, in Kontakt zu treten. Die Entwicklung des kreativen menschlichen Potentials ist sozusagen ein Atemholen der Seele und und dieses wiederum unabdingbare Voraussetzung für jede Innovation, deren Fehlen heute in weiten Kreisen der freien Wirtschaft beklagt wird. Denn das heute viel benutzte Wort "Innovation" heißt eigentlich: Erneuerung von innen heraus. Der Umgang mit der Stimme in diesem Sinne bedeutet, nicht nur den Sinn für das Erlernbare, das Handwerkliche oder Technische zu wecken und zu schärfen. Es bedeutet zugleich eine stets neu erlebbare Übung des Gekonnten, um dem Empfindungsgehalt der Musik auf immer weiteren Ebenen zu begegnen. Eine solche Förderung der künstlerischen Kraft aber setzt immer voraus, dass die Persönlichkeit sich mit ihrem Tun in ihrem ganzen Sein anrühren lässt von dem, was ihr aus der Musik verwandelnd und fördernd begegnen will.
Stimme - Physiologie, Psychologie und Transzendenz Unser Körper ist das Instrument, das dem Menschen am nächsten steht. Der Klang unseres gesamten Körpers strömt als tönender Atem aus unserem Mund hervor. Es ist nicht nur unsere Stimme, die klingt. Die menschliche Stimme ist lediglich vergleichbar den Saiten eines Instrumentes, während unser gesamter Körper den Resonanzkörper darstellt, der der Stimme Klang verleiht. Physiologisch erfasst Singen den ganzen Körper. Es verursacht über die Tonschwingungen feinste Bewegungen im Körper. Es intensiviert die Atmung, die Träger des Tons in die Außenwelt ist. Eine intensivere Atmung aber fördert die Versorgung des Bluts und seine Entschlackung. Eine gute Durchblutung fördert den Stoffwechsel und damit die Versorgung all unserer Organe. Bei rechter Anleitung fördert Singen neben der Ausbildung des Ohres eine Verfeinerung der körperlichen Empfindung. Denn das eigene Singen ist nicht nur zu hören, sondern bei entsprechender Übung auch im ganzen Körper als Vibration zu spüren. Diese Vibrationen haben die Wirkung einer Tiefen- massage feinster Art. Die fortschreitende Feinsinnigkeit sowohl im Hören als auch im Spüren führt letztlich zur Entwicklung eines "Innenorgans" unserer geistig-seelisch-leiblichen Wahrnehmung. Anfangs ist es höchst unterschiedlich, wie umfassend der einzelne Mensch die Vibration der eigenen  Stimme in seinem Körper spüren kann. Bei einigen geht sie nur bis zu den unteren Rippen und erfaßt nicht einmal die Bauchmuskulatur. Am Ende der Stimmschulung sollte jedoch die Schwingung der Stimme im ganzen Körper bis in die Fußsohlen hinein spürbar sein. Diese Vibration ist nicht ein Zeichen der Feinheit subjektiver Wahrnehmung, sondern auch objektiv wahrnehmbar. Legt jemand dem Singenden an verschiedenen Körperstellen die Hände auf, so können beide in der Regel übereinstimmend spüren, wo der Körper vom Stimmklang durchdrungen wird bzw. an welchen Stellen die Resonanz unterbrochen ist. Ferner ist das Mitschwingen des Körpers nicht nur zu spüren, sondern auch deutlich zu hören. Verringert oder vergrößert der Lehrer zur Demonstration bei gleicher Tonhöhe bewusst die einzelnen Regionen der Vibration, so kann der Schüler meist recht genau definieren, bis wohin die Stimme reicht bzw. wo sie den Körper nicht mehr erfaßt. Dies gilt gleichermaßen für die Sprech- und die Gesangsstimme. Das "Hinunterschwingen" der Stimme bis in die tiefsten Körperregionen gibt dem Stimmklang eine erdige, warme Fülle und verleiht ihr zur Resonanz der Kopfstimme eine zusätzliche Tragfähigkeit. Zeigt die Stimme ihre Präsenz im gesamten Körper, indem sie ihn ganz mit ihren Schwingungen ergreift, so berührt diese Präsenz auf eigentümliche Weise auch im Zuhörer andere Daseinsschichten. Denn ein Stimmklang des ganzen Körpers wird immer als warm und wohltuend empfunden. Darüber hinaus zeugt der Klang der Stimme unmittelbar von unserer Seele. Ist die Seele gut "gestimmt", so wird dies auch in der Stimme hörbar. Der Mensch drückt darin seine ganze Gefühlspalette aus. Das Sprechen ist bereits eine Abstraktionsleistung, während der Klang unserer Stimme unmittelbar das Innere nach außen tönt. Was in der Stimme eines Menschen klingt, ist Ausdruck seiner Persönlichkeit. Das Wort "Person" kann u. a. vom lateinischen "personare" abgeleitet werden und bedeutet "hindurchtönen". Je mehr jemand mit sich im reinen ist, desto klangvoller und ausdrucksstärker ist seine Stimme. Deshalb können wir an der Stimme eines gut bekannten Menschen sofort hören, wie es ihm geht. Das Wort "Person" kann andrerseits auch vom griechischen "persona" abgeleitet werden, was soviel wie "Rolle" oder "Maske" bedeutet. Bezeichnenderweise wird in Gesangsschulen auch gelehrt, wie man in die Maske singen muss. Entsprechend unserem Zeitalter hat sich bezüglich der menschlichen Stimme eine vorwiegend mechanistisch- physiologische Betrachtungsweise durchgesetzt. Physiologisch entsteht Gesang, indem eine verwirrende Fülle von einander entgegenwirkenden Muskelbewegung stattfindet. Einen solchen Vorgang rein physiologisch und technisch erfassen und meistern zu wollen, ist zum Glück aussichtslos. Dies muss zwangsläufig zu der Suche nach einer neuen Kristallisationsmöglichkeiten für den Stimmklang führen. Die Verbindung des bekannten "persona" und des "personare" ist eine dieser Möglichkeiten. Jedes einfache Tun setzt das Beherrschen einer gewissen Technik voraus. Das bisher Gesagte bedeutet also keineswegs, dass Technik etwa überflüssig wäre. Allein die Tatsache, dass der Stimmumfang selbst professioneller Sänger auf etwa zwei Drittel des früheren Stimmumfangs geschrumpft ist, zeigt aber, dass der Umgang mit einer Technik in einen ganzheitlichen Zusammenhang gestellt werden muss, der nicht mehr ausschließlich vom einem kontrollierenden Gebrauchen der Stimme bestimmt wird.
Bedeutung des Atems Auf allen Gebieten wird immer wieder von "ganzheitlichen" Vorgängen als einem erstrebenswerten Ideal gesprochen. Doch Ganzheitlichkeit ist ein hoher Anspruch. Z. B. ist ein rein physiologisches Zusammenspiel vieler Muskelgruppen, das durch eine atemgymnastische Funktionsvorstellung bewirkt wird, noch keine Ganzheit. Denn es fehlt noch die Beziehung zur seelischen und geistigen Seite dieses ganzen Vorgangs. Auch beim Atem wird heute oftmals die Technik in den Vordergrund gestellt. Unser Atem ist aber stärker mit geistig-seelischen Prozessen als mit physiologischen Bedürfnissen verbunden. Dies wird deutlich, wenn wir die drei Grundfarben kontraktiver Emotionen betrachten: Soweit diese Emotionen nicht verdrängt werden, verringert Angst die Atemintensität, während Kummer den Einatem und Zorn den Ausatem verstärkt. Wäre Atmung eine rein physiologische Angelegenheit, so wäre sie allein abhängig von unserem körperlichen Bedarf nach Aufnahme von Sauerstoff und Abgabe von Kohlendioxyd. Dies ist aber nicht der Fall, sondern der Atem räumt der geistig-seelischen Komponente eine Vorrangstellung vor den körperlichen Bedürfnissen ein. Unsere Atmung ist deshalb nicht nur Ausdruck unseres Körpers, sondern auch unserer gesamten geistig- seelischen-leiblichen Konstitution. Seit altersher wird der Atmung auch numinose bzw. transzendierende Wirkung zugeschrieben. "Gott blies ihm seinen lebendigen Odem ein. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele." So beschreibt der Schöpfungsmythos der Bibel die Erschaffung des Menschen. Im Buddhismus ist die Betrachtung des Atems Teil des Weges der Achtsamkeit zur Läuterung des Menschen. In Indien steht das "Prana" für Atmung und Lebensenergie. Man kann sich deshalb beim Singen zu Recht vorstellen, nicht nur mit Luft, sondern mit Lebensenergie zu singen. Wenn wir unseren Einatem so erleben, dass er nicht einfach aus einem aktiven Hereinholen von Luft besteht, sondern aus einer Öffnung für das Geschenk von Lebenskraft, haben wir die erste Bedingung zu einer guten Haltung und Einstellung beim Singen geschaffen. Das Einatmen wird dann zu einem Aufatmen. Allein dieser kleine Unterschied schafft bereits grundverschiedene Voraussetzungen für die Vorbereitung des anschließend ertönenden Klangstroms. Auch werden wir uns vergegenwärtigen, dass all unser Tun gar nicht so bedeutungsvoll für den Lauf unseres Lebens ist wie das Öffnen und Hereinlassen, von dem, was bis zu uns hin da ist. Am Ausatmen mag uns dann auch klar werden, dass es sich um ein Hergeben von dem handelt, was uns bereits gedient hat und in der Großen Natur weiter dienen wird. Es ist leicht nachvollziehbar, dass eine solche Haltung nicht nur unserem Singen, sondern auch unserer Persönlichkeit förderlich ist.
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